Auf der Suche nach Adam und Eva

Einleitung

Adam und Eva üben in unserem Kulturkreis eine nach wie vor große Faszination aus. Der Bekanntheitsgrad von Adam und Eva scheint umwerfend, und jeder weiß etwas zu dem Thema zu sagen. Gelesen hat die Genesis, das 1. Buche Mose des Alten Testaments, allerdings kaum jemand. Die erste große Überraschung ist in der Regel der Hinweis, dass uns die Genesis zwei Schöpfungsberichte anbietet: Die Erschaffung der Welt in sieben Tagen und eben der Schöpfungsbericht mit Adam und Eva im Paradiesgarten Eden.

Was steckt im Mythos von Adam und Eva? Schon zu seiner Niederschrift in der Bibel waren die Grundzüge des Mythos uralt, zumal die Paradiesgeschichte nicht in einem Guss niedergeschrieben, sondern vom 7. Jahrhundert vor Christus an immer wieder redaktionell bearbeitet wurde. Bereits mit der Dämmerung menschlichen Bewusstseins wird sich die Gattung Homo die Fragen gestellt haben, die wir uns heute noch immer stellen: Woher kommen wir, wo ist unser Platz in der Natur, wie weit haben wir uns von ihr entfremdet, wie kommen wir zu ihr zurück und finden Erlösung? Der Mythos von Adam und Eva gewährt uns einen einzigartigen Einblick in die Anfänge menschlicher Selbstreflexion. Nicht erst im antiken Palästina, nicht erst im eisen- und bronzezeitlichen Mesopotamien – nein: Adam und Eva wurden schon viel früher geboren. In diesem Mythos finden sich religiöse Vorstellungen, bei denen nicht nur eine himmlische Kraft wirkt, sondern viel ältere Vorstellungen von Naturgottheiten. Die Schöpfungsgeschichte mit Adam und Eva liefert uns Hinweise auf den Beginn religiösen Denkens, das nach neuerer Forschung vor etwa 60.000 Jahren begann. In evolutionären Kategorien ist das ein kleiner Zeitraum. Aufgeklärten Juden, Christen und Moslems ist klar, dass Adam und Eva nur Symbole sind. Seit der Mensch weiß, dass er Mensch ist, geht es in der Religion auch darum, seine Stellung in der Natur mit der Frage nach Erlösung zu verbinden: Der Mensch weiß um seine Besonderheit in der Natur, aber auch um die Leiden des Daseins, das eigene Sterben und seine Sündhaftigkeit. Eine kollektive Erinnerung an die ferne Urzeit lässt uns erahnen, mit welchen Schuldgefühlen wir zu kämpfen hatten und haben. Die genannten Religionen beantworten die Frage nach Erlösung in unterschiedlichen Ansätzen mit einem gnadenhaften, transzendenten Gott. Anthropologen freilich finden in uns fremden Kulturen weitere Antworten, aber prinzipiell wird auch im dichtesten Regenwald Borneos oder in der lichtesten Savanne des afrikanischen Beckens das Auftreten des ersten Menschen unmittelbar mit der Definition seiner Stellung zur Natur verbunden. Weil Adam und Eva Antwort geben, wie der Mensch zu Gott und Natur steht und wir hier drei Weltreligionen betrachten können, bleibt der Mythos aktuell: Adam und Eva sind immer noch bekannte Archetypen, obwohl sie nie gelebt haben.

Der Religion ist es gleich, wann und warum sich der Mythos von Adam und Eva gebildet hat. Die Autoren des Alten Testaments waren herausragende Meister, aber der Schöpfungsbericht über Adam und Eva enthält zu viele Muster eines Mythos, als das dieser Bericht einfach als symbolische Parabel hätte erdacht werden können. Die mythologischen Muster haben sich bis zu ihrer Niederschrift über Jahrtausende den Rahmenbedingungen angepasst. Den damaligen Status Quo haben dann die Genesis-Redakteure zusammengetragen und auf einen monotheistischen Gott zugeschnitten. Aber der religiöse Topos verbindet sich in dem Mythos von Adam und Eva mit Vorgängen, die für uns zeitlich fassbar werden. Er lässt uns zurückblicken auf den Anfang dessen, was wir Geschichte nennen. Damit erfüllen Adam und Eva alle Voraussetzungen, die ein moderner Mythos haben muss, also ein Mythos, dessen historische Wurzeln schemenhaft erkennbar sind. Denn der Mythos von Adam und Eva schlägt einen Bogen von der Entwicklung des Bewusstseins (als mythologische Muster) bis zum Beginn der greifbaren Historie (als moderner Mythos): Er spiegelt nicht nur die Ängste und Neugier des frühen Menschen wider, sondern auch die Ereignisse jenes Moments, in dem die ersten Hochkulturen aufkamen und Quellen hinterließen: Sesshaftigkeit, Ackerbau, Domestizierung, Fehden – wir befinden uns jetzt in der neolithischen Revolution etwa zwischen dem 11. und 7. Jahrtausend vor Christus. Es kann kein Zufall sein, dass Sesshaftwerdung im Adam und Eva-Mythos thematisiert wird und der fruchtbare Halbmond die Geburtsstätte der Neolithisierung ist. Bei der Geschichte von Adam und Eva wird deutlich, dass Menschen sich dieser Zäsuren bewusst waren und für so einschneidend hielten, dass Schamanen und Priester die Erfahrungen dieser Zäsuren von Generation zu Generation durch die Jahrtausende trugen.

Natürlich können wir keine Beweise liefern, wann Adam und Eva erstmals die Bühne der Geschichte betraten. Außer Fossilien, knappen Textstellen in der Genesis, einigen der Jungsteinzeit zugeschriebenen Ausgrabungen, älteren Mythen aus Sumer oder neuzeitlichen Deutungen gibt es keine Quellen, die ins Neolithikum weisen, geschweige denn aus dem Jungpaläolithikum, also der Zeit der Religionsentstehung. Aber wir können den Interpretationsspielraum nutzen, den Paläontologen, Religions- und Kognitionswissenschaftler, Anthropologen und andere Wissenschaftsdisziplinen anbieten. Was wir von der Entwicklung des Homo sapiens sapiens wissen genügt uns, um den Mythos von Adam und Eva hinreichend zu deuten und ihren Weg in die Geschichte zurückzuverfolgen.
Wir wollen versuchen, die Geburtsstunde(n) von Adam und Eva einzugrenzen. Wir wollen die Entwicklung des werdenden Menschen skizzieren, den er mit Adam und Eva schwanger zurückgelegt hat. Wir sind es gewohnt, dass Adam und Eva am Anfang stehen – in unserer Betrachtung sind sie das Ziel, stehen am Ende des Buches. Wir bieten weder kirchliche Interpretationen an noch referieren wir über die Entwicklung der biblischen Schöpfungsgeschichte. Wir interpretieren universelle Elemente aus dem Adam und Eva-Mythos, die vielleicht nicht nur in der Levante und Mesopotamien erzählt wurden. Möglicherweise entdecken wir Handlungsstränge aus verschiedenen Schöpfungsmythen, bei denen wir nach deren Herkunft fragen dürfen. Haben der Baum der Erkenntnis und die germanische Weltenesche Yggdrasil vielleicht gemeinsame Wurzeln? Sind die biblische Schlange und der Drache fernöstlicher Mythen verwandt? Der Baum der Erkenntnis, die Nacktheit, der Einklang mit der Natur, der Sündenfall – die kosmologischen Deutungsmuster erinnern nicht nur an die Philosophie Platons, sondern tragen universelle Züge. Ist der Homo sapiens sapiens so gestrickt, dass bestimmte Erzählstrukturen erkennbar auch heute noch zum Beispiel in Märchen verwendet werden? Welche Rolle spielen die Mächtigen bei der Formulierung von Mythen?

Wir versuchen eine umfassende Einordnung des Mythos von Adam und Eva in die Evolution, in die Historie und in die Geschichte der Religion. Wir suchen keine zweite Lucy oder keinen zweiten Ötzi. Wir suchen nach dem Ursprung der Idee von Adam und Eva und werden feststellen, dass dieser Mythos wie im Brennglas die Entstehung der Religion spiegelt: Im Paradies lebte der noch-nicht-Mensch im Einklang mit der Natur. Er war sich seines Menschseins nicht bewusst, er lebte jenseits zeitlicher Begriffe und ohne Bewusstsein für Schuld. Er jagte und wurde gejagt und dieses Lebewesen dachte sich nichts dabei. Es war ein Tier. Mit dem Sündenfall beginnt bei Adam und Eva die Geschichte. Insofern behandeln wir hier eine zutiefst philosophische Frage: Die Vertreibung aus dem Paradies kommt der Bewusstseinswerdung gleich, was uns – unserer Schuld bewusst – unsere Scham bedecken lässt. Und mit diesem Bewusstsein eigener Schuld ist auch das Wissen über das tägliche Leid und die eigene Sterblichkeit verbunden, die in der Menschenmorgendämmerung die Gattung Homo nach dem Daseinssinn suchen lassen. Mit dem Selbst-Bewusstsein erkannte der Mensch den Schrecken des unfassbaren Todes und ließ ihn die Religion erfinden, um Hoffnung auf Unsterblichkeit zu haben. Die Antwort auf die Sinnfrage lautet in allen Kulturen und Religionen ähnlich: Erlösung findet der Mensch nur am Ende der Geschichte. Die Sinnsuche können wir exemplarisch am Mythos von Adam und Eva festmachen. Deswegen hat der Mythos von Adam und Eva nichts von seiner Faszination verloren. Wir versuchen, die Faszination zu fassen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.