Wir sind Wittekinder

Einleitung

Es gibt einen aus unserer Nachbarschaft, der hat Karriere gemacht. Auf ihn berufen sich Fürstenhäuser und sein Pferd ist Wappentier des britischen Königshauses. Unsere Schulen, Straßen und selbst Landkreise tragen seinen Namen und unsere Städte sind nach seinem Vorschlag benannt. Auf quasi jedem Wiehengebirgswipfel lauert er als Sagen-Figur. Er ist urwestfälisch: Wittekind. Was fasziniert an Wittekind? Wo ist er?
Ganz einfach: Er ist immer noch hier, mitten unter uns. Wir sind Wittekinder!

Auch wenn wir es nicht zugeben, aber wir lieben kleine Schauergeschichten der Großeltern, Schicksale und Emotionen. Der „Sachsenherzog“ Wittekind bietet diesen Stoff mit einer Mischung aus ein bisschen religiösem Aberglauben und ein bisschen Märchen: Im Wiehengebirge steht Wittekinds silberne Wiege und seine Bahre, und in Sturmnächten braust er immer noch über die Höhen. Kein Fernsehstratege könnte es besser inszenieren, kein Redakteur treffender formulieren. Das Wenige, was überliefert ist, haben wie immer die Sieger geschrieben. Wittekinds Gegner Karl der Große kam nicht nur mit dem Schwert und mit seinen fränkischen Schreiberlingen, denen wir ein paar Hinweise auf Wittekinds tatsächliche Existenz verdanken. Karl kam auch mit dem Kreuz. Er ließ die Sachsen „das Knie in die Taufe beugen“. Perfekt, um christliche und heidnische Religion und Legenden in einen Topf zu werfen, umzurühren und daraus einen westfälischen Eintopf zu brauen, der den Menschen schmeckt und sie warm hält. Die Zeit der Germanen, der Völkerwanderung und des frühen Mittelalters war wie geschaffen für Sagen. Denn wer sollte den Wahrheitsgehalt auch prüfen können? Wenn schon keine Casting-Show läuft, der Buchdruck noch nicht erfunden ist oder auch sonst die Events eher überschaubar sind, sitzt man eben abends am Herdfeuer und erzählt sich Geschichten über Fürsten und Outlaws. Wittekind war sogar beides. Und natürlich spielte sich alles im Wald nebenan oder in der Stadt hinter dem Hügel ab: in Enger oder Herford, in Bünde oder Rödinghausen und natürlich im Wiehengebirge. Was dem Riesengebirge sein Rübezahl und dem Kyffhäuser sein Barbarossa ist dem Wiehengebirge sein Wittekind. Warum auch nicht? Was uns heute mit dem Web recht ist, war unseren Vorfahren mit dem Wort billig.

Der vermeintlich typisch sture, bodenständige und heimattreue Westfale hat etwas Liebevolles an sich. Er steht mit beiden Beinen im Leben und kann sich wehren, wenn es sein muss. In Wittekind können wir ihn alle wiederfinden. Wittekind ist immer noch ein lokaler Superheld, egal, welche Irrungen und Wirrungen unsere Geschichte durchgemacht hat. Er ist verbunden mit seiner Scholle und seinem Stamm, rast- und ruhelos und kämpferisch. Einfach wild. Ja, das sind wir doch wohl auch, oder? Und noch etwas gefällt uns: Wittekind war nicht so stur, dass er die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Karl als weltliche und Christus als religiöse Autorität schließlich anzuerkennen, zeugt von politischer Klugheit, vom Willen zur Integration. Tradition ja, Vermeidung sinnloser Opfer und Öffnung für Neues, wenn es gut ist: Das sind doch wir!

Wir sind Erben dieses Verhaltens und profitieren von einer historisch gewachsenen Mentalität, die schöpferische Impulse freisetzt. Diese Mentalität ist nicht wirklich Sturheit, sondern Einfallsreichtum, Anpassung, Integration, Mut zu Neuem, gepaart mit der Bewahrung erhaltenswerter Traditionen. Und dennoch: Charismatische Typen gab es in der Geschichte immer wieder, deswegen sind sie trotzdem nicht alle zu Sagenfiguren geworden. Was also machte Wittekind zu einer Figur, die es nunmehr auf 1.200 Jahre Promi-Status bringt? Die Sachsen waren ein von Gott verlassenes Volk am Rande des Weltgeschehens, ohne zentrale Führung, ohne Herrschaftszentrum. Es gab keine bedeutenden Schlachten zwischen den Franken und den Sachsen, bei denen Wittekind nachweislich als Sieger das Feld verließ. Warum wird dann ein Mann Legende? Ganz ohne Zweifel hat sich Wittekind in unserer Heimat bewegt. Ganz ohne Zweifel wird er trotz seines Adels etwas Volkstümliches an sich gehabt haben. Was war es?

Die Erfahrung eines am Ende verlorenen, mehr als dreißigjährigen Glaubens- und Freiheitskrieges auf heimischem Boden muss so einschneidend für die Menschen gewesen sein, dass sich um die Protagonisten des Kampfes um Gott und Gebiet Geschichten und Geschichtchen bildeten, die sich verselbständigten. Vielleicht war Wittekind volksnah, weil er viel Gutes getan hat, weil er so etwas wie ein Robin Hood des Ravensberger Landes war. Vielleicht war er den Menschen auch nur deshalb nah, weil der lange Krieg wahrscheinlich eher eine Aneinanderreihung von Überfällen und Guerillaeinsätzen und Wittekind als Anführer der Kampfgruppen immer wieder gezwungen war, auf der Flucht mit seinen versprengten Einheiten bei den Menschen „up’n Dorpe“ Unterschlupf zu suchen. Und ganz nebenbei sprechen die Sagen und Legenden um Wittekind für eine kontinuierliche Siedlungstradition in unserer Region, die vielleicht schon bei den Cheruskern und früher ansetzt. Und dies ist ein weiterer Erklärungsansatz für die wirkungsmächtige Wittekind-Saga: Die Sachsen waren der letzte Stamm, der statt an den Erlöser an dunkle Mächte glaubte, der letzte Stamm, der statt in Kirchen an Naturerscheinungen seine Weihen hielt, der letzte Stamm, der sich dem Frankenreich als Nachfolger des Römischen Imperiums widersetzte, ausgerechnet in der Gegend, in der bereits Arminius einer Weltmacht die Stirn bot, der letzte Stamm, der die Wirren der Völkerwanderung bis dahin überstand. Die Sachsen waren die letzten Germanen. Mit ihrer Unterwerfung und der Taufe Wittekinds 785 endete die dunkle Zeit der Völkerwanderung endgültig. Mit der Kaiserkrönung Karls im Jahr 800 begann ein neues Zeitalter. Diese Zäsuren müssen einfach Spuren hinterlassen haben.

Diese Zeitenwende wird in den Sagen nur indirekt thematisiert und man muss fragen, ob eine überlieferte Geschichte nicht deutlich jünger ist, etwa aus ottonischer Zeit Anfang des 11. Jahrhunderts stammt, als sächsischer Adel plötzlich die Kaiserkrone trug oder gar erst im 19. Jahrhundert erdacht wurde. Aber wenn Wittekind der Sage nach die Orte Herford oder Bielefeld tauft, ist das ein Hinweis darauf, dass sich die Dinge in unserer Region änderten: Siedlungen verdichteten sich, Städte entstanden, Kirchen wurden gebaut, kurzum: Hier wurde das Fundament für die Neuzeit gelegt. Wir wollen einen umfassenden Blick auf die Sagenwelt Wittekinds werfen. In frischen Texten werden die Sagen dargestellt und der jeweilige Sagenkern beleuchtet. Damit entsteht ein moderner Band, der inhaltlich gegenüber den Sagensammlungen von Heimatkundlern des 19. und 20. Jahrhunderts deutlich entstaubt, vom begleitenden Pathos befreit und stärker historisch motiviert ist. Wir gehen also auf Spurensuche nach Wittekind. Und finden dabei: uns selbst. Wir sind Wittekinder.