Glosse

Mein Name ist Hiob, ich habe eine Botschaft!

Für den Rest des Tages brauchte ich mir nichts mehr vorzunehmen. Ich musste zum Arzt, konnte mich nicht mehr rühren. Später erfuhr ich, dass es ein „rez. sensibles WRS S1 rechts, muskuläre Dysbalancen, Protusionen L4/5“ war. Was ist das, ein Tumor an der Wirbelsäule? Oder ein Bandscheibenvorfall, der den nahenden Rückgratbruch ankündigt? „Herr Doktor, soll ich meine letzten Angelegenheiten regeln? Wie kann ich es der Familie möglichst verständlich sagen, was ich habe?“ Die beruhigende Antwort: „Hexenschuss.“ Warum nicht gleich so?

Wie Ärzte ihre tägliche Konfrontation mit dem Elend verarbeiten, lässt hier und da ein wenig Einfühlsamkeit vermissen. So verklausuliert einige Weißkittel sich hinter ihrem buchstäblichen Mediziner-Latein verstecken, so gnadenlos brutal sind andere: Wo die Polizei den Pfarrer hinzuzieht, erledigt das der Arzt im Vorbeigehen: Mein Name ist Hiob, ich habe eine Botschaft! Danach folgen die Ratschläge, die eher Schläge sind und die immer kommen, egal, was man hat: Nicht essen, nicht rauchen, kein Sex, kein Autofahren. Dann kann ich auch gleich sterben.

Termine beim Arzt sind maximal grobe Richtwerte. Bei den Sprechstundenhilfen – das Wort gibt es eigentlich nicht mehr, zu Recht, sie helfen über die Stunden Wartezeit auch nicht hinweg – ist die Zweiklassengesellschaft im Gesundheitswesen längst angekommen. Auf ihren Displays erkennen sie, wer die Nummer für Privatpatienten, wer die für Kassenpatienten anrief. So fällt der Ton mal freundlicher, mal harscher aus. Moderne Praxen scheinen schon mal etwas von Dienstleistung gehört zu haben, während man an den Vorzimmerdrachen der 70er Jahre-Arztpraxen eher verzweifelt. Aber immerhin kriegt man in diesen Praxen schnell einen Termin und muss auch nicht lange warten. Das Gedränge dort hält sich eher in Grenzen und nimmt mit sich natürlich reduzierender Zielgruppe weiter ab.

Gewöhnlich wird man in den neueren Praxen nach gefühlt einem halben Tag im Wartezimmer endlich aufgerufen. Schwacher Trost: Die Wartezeiten werden sich angesichts unserer demographischen Entwicklung mit sich natürlich vermindernder Zielgruppe mittelfristig verkürzen. Ein psychologischer Trick in den Wartesälen ist der Aufruf in den Behandlungsraum: Gleich bist du dran, du sitzt schon im Untersuchungszimmer. Aber nichts passiert. Da bleibt man besser im Wartezimmer, vielleicht hat man Glück, allzu menschlicher Kommunikation teilhabe zu werden und sich Inspiration für eine Glosse zu holen. Als ich wegen des „rez. sensibles WRS S1 rechts, muskuläre Dysbalancen, Protusionen L4/5“ beim Arzt war, musste jeder Patient einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, wie seine Schmerzen ihn in seinen Gewohnheiten behindern. Ein alter Mann, etwa 169 Zentimeter groß mit genauso vielen Kilos, wurde von seiner Frau begleitet. Sie las dem Pascha alle Fragen laut vor. Dann kam das Kapitel „Sexualleben… Brauchen wir das?“ fragte die Dame. „Neee, dat brauchen wir nich“, japste der 169er Mann und schüttelte sein gewaltiges Doppelkinn. Hiob kann ihnen nichts mehr anhaben.