Rezension

Von Hogwarts nach Pagford

Rezension: Joanne K. Rowling, Ein plötzlicher Todesfall

Eine Welt ohne Harry Potter? Kaum vorstellbar. Vor 15 Jahren begeisterte uns der Junge zum ersten Mal, als er seine Lehrjahre im Zauberinternat Hogwarts begann. Inzwischen ist der Harry Potter-Kosmos Alltagskultur geworden. Harry Potter ist Synonym für den gewitzten Jungen, Lord Voldemort und der Schuldirektor Albus Dungledore sind Prototypen des Bösewichts und des weisen Lehrmeisters geworden. Quidditch, das Football-Spiel auf dem Hexenbesen, gibt es als Muggle-Version, bei dem jährlich ein World Cup ausgetragen wird. Die Harry Potter-Romane sind in 73 Sprachen übersetzt und über 450 Millionen Mal verkauft.

Vom Märchenuniversum in die Abgründe der Muggle-Welt
Diese Welt wurde von einer Engländerin geschaffen, die als damals alleinerziehende Mutter und Lehrerin zur Depression neigte und bis heute auf die strikte Einhaltung der Privatsphäre achtet. Aber wenn Hogwarts unsere Welt beeinflusst, hat sie Rowlings Welt erst recht verändert: Heute ist sie die wohl bekannteste Schriftstellerin der Welt, lebt mit ihrer Familie in einem riesigen schottischen Landhaus, ihr Vermögen wird auf um die 750 Millionen Euro geschätzt. Jetzt lässt Rowling ihren Harry Potter aber erst einmal in aller Ruhe ein Mann werden und konzentriert sich voll auf die Muggle-Welt. Ihr neuer Roman „Ein plötzlicher Todesfall“ erzählt die Geschichte einer vermeintlich idyllischen Kleinstadt, die der Tod eines Gemeinderatsmitglieds aus der Bahn wirft.

Zu viel Sex, zu simpel, zu gekünstelt, zu platt?
Im neuen Roman gehe es wie bei Potter um Moral und Sterblichkeit, sagt Rowling. Auch wenn Schauplatz und Figuren durch und durch englisch seien, seien die Themen universell: Familien- und Ehekonflikte, Spannungen zwischen Eltern und Kindern, Konflikte zwischen Eigenverantwortlichkeit und staatlicher Fürsorge, Kritik am politischen System: Das fiktive Städtchen Pagford zerbricht am politischen Hickhack. Na, solche schwere Kost ist normalerweise deutsches Spezialgebiet. Und so haben wie erwartet die Leitmedien in Deutschland an dem neuen Rowling-Werk kein gutes Haar gelassen: Zu viel Sex, zu simpel, zu gekünstelt, zu platte Figuren. Der Literaturkritiker der konservativen Zeitung „Die Welt“ war froh, als er das Buch endlich zu Ende gelesen hat. Der Spiegel resümiert, dass dieses Buch den größten literarischen Hype des Herbstes auf keinen Fall wert sei. Während Hogwarts ein erdachtes Universum war, wirke Padford kulissenhaft und sei vom alltäglichen Großbritannien zu weit weg – so weit weg von Alltagsproblemen wie die Autorin selbst, urteilt der Stern. Sex und Drogen, oha! So mancher britische Teenager dürfe besser darüber Bescheid wissen als Frau Rowling, heißt es.

Zu viel Kritik!
Wir wollen nicht so streng mit Joanne K. Rowling sein. Nach fast viereinhalb tausend Seiten Harry Potter und unsere Entführung in die magische Welt hat sie sich ein Buch für Erwachsene verdient. Klar, ein Weltroman ist es nicht und wir freuen uns auch wieder auf das nächste Kinderbuch von ihr, aber wir maßen uns nicht wie die deutschen Leitmedien an, die Welt und vor allem Rowlings Heimat besser zu kennen als die Autorin selbst.

Joanne K. Rowling:
Ein plötzlicher Todesfall.
600 Seiten
€ 24,90